Steffen Kersken & Friends - @Litfass! *Der kreative Promi-Talk* - Für den guten Zeck!


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Siehsse!

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Ich war neulich in Rheinberg, da saß ein alter Mann mit Zottelbart und Flasche Wein auf dem Marktplatz, guckte so in die Welt hinein und sprach die ganze Zeit vor sich hin:
„Ich war da und ich werde gewesen sein, ich bin da und ich war. Ich bin und ich war. Verhext!“ Der Mann war völlig durchgedreht, steckte fest im Sein und im Vergehen! Er war total bekloppt geworden, nur weil sich alles bewegt und schon gleichzeitig wieder vorbei ist, noch bevor es eigentlich losgeht. Ich war, bevor ich eigentlich richtig gewesen bin. Wir werden geboren und fangen sofort an, älter zu werden, bis wir sterben: Man ist und man war schon. Ich bin gerade und eigentlich auch so gut wie weg.

Aber die größte Veränderung überhaupt ist nun mal das Sterben an sich, nicht wahr! Es gibt tatsächlich Leute, die behaupten stock und steif, dass sie nicht sterben, bzw. glauben sie fest daran, dass sie den Löffel nicht abgeben müssen. Diese Menschen leben dann auch ihr Leben genauso, als könnten sie den Tod einfach überholen oder sich freikaufen. Das sind Leute, die den silbernen Löffel abgeben, sag ich dann immer zu meiner Frau, also die sind zu fein zum Sterben, weil sie was Besseres sind, einfach zu fein für alles, solche feinen Menschen. So wat soll es ja geben, nicht wahr, dass Leute gehobener sterben als andere, das nennt man dann Zwei-Klassen-Sterben. Nee ist wahr, das hat man ja manchmal, solche feinen Herrschaften, die bei uns am runden oder eckigen Tisch sitzen und doch immer ein bisscken feiner sind als andere Leute. Dann gibt es wiederum Charaktere, die leben permanent auf der Überholspur, da denke ich mir immer, sie möchten der Veränderung und dem Sterben entwischen, wegrennen, flüchten, verdrängen, entlaufen, sich befreien vom Verfall und unantastbar bleiben: Geld sammeln, Konto dick machen, Reisen mit dem Flieger, segeln mit der Yacht, speisen im Hafen, Smalltalk mit interessanten Leuten, so heißt dat doch immer, wenn sich die High Society trifft!
„Da waren nur interessante Leute!“
Jetlag und Austausch, man ist, was man isst, Kaviar und Tafelspitz, man ist, was man trägt, die Zeit spricht Rolex und schnell noch ein Selfie mit interessanten Leuten, morgen trifft man ja schon wieder andere interessante Leute. Die Twitter- und Facebook-Welt kann dann neidvoll mitansehen: „Ich bin wieder nur mit interessanten Leuten unterwegs, der Welt und der Veränderung voraus, dem Hungerleiden in Afrika entronnen, den Kriegen und Flüchtlings-Strömen entkommen, bin ich wieder mal up to date. Du musst dich nur immer wieder selber überholen, nicht wahr!“ Applaus. Jetlag als Szeneerkrankung und Jetlag ist in: „Also dieser Jetlag … ich werde ihn nicht los! Dabei habe ich schon alles versucht: Champagner von Singapur nach Mallorca, Golfen in Malibu und Sauna in Kitzbühel, wegen der Entspannung. Ich habe sogar neulich beim Empfang die Krevetten weggelassen, das war schon anders als sonst, also verändernd müsste ich sagen, aber diesen Jetlag wird man einfach nicht los!“
Dat sind Probleme, liebe Querdenker! Jetlag ist das Karzinom der edlen Gesellschaft und das Gebrechen der feinen Leute.
Jetlag, da fällt mir wieder mein Gedanke ein: ich bin da, aber gleichzeitig schon wieder weg!
Ich bin und schon war ich. Jetlag eben.
Ist doch klar, datt dat Kopfschmerzen gibt, wenn man dem Leben voraus sein möchte und der Veränderung ein Schnippchen schlagen will, so könnte man es doch formulieren. Man möchte sich von Veränderung nicht einholen lassen, die Veränderung durch stetiges „Feinsein“ verhindern oder die Veränderung verändern. Ich habe das Gefühl, glücklich macht das scheinbar auch nicht, jedenfalls gucken die Botox-Gesichter immer so gleichgültig in der Gegend herum, da müssen Sie mal drauf achten: Bei Botox-Gesichtern heißt Lachen mit den Ohren zu wackeln!
Aber die Veränderung aufzuhalten, ist quasi unmöglich, sie zieht an einem grinsend vorbei, punktuell zumindest, ganz ohne Botox, immer wieder mal. Da machste nix dran! Isso!
Und die Leute merken dann doch, das sich alles um sie herum verändert und sie selbst sich auch.
„Du musst da irgendwie mit zurande kommen!“, so sagt man bei uns am Niederrhein. Wir müssen mit der Bewegung zurande kommen und uns durchschlängeln, wenn die Veränderung des Weges kommt und uns notfalls immer wieder neu erfinden!
Aber wenn ich mich mit Veränderung gesund auseinandersetzen möchte, also ich sage jetzt mal gesund, denn nicht immer verändert sich etwas gesund, manchmal merkt man, dass Leben sich verändert, wenn einem etwas zustößt, man nicht mehr gesund ist oder jemand erkrankt, den man liebt: Das ist dann negative Veränderung.
Es passiert etwas und es ist alles anders, ganz plötzlich, von jetzt auf gleich sind wir aber voll drin in der Veränderung: voll im Wind, volle Breitseite, wir stehen mit beiden Beinen in der Suppe.
Der Alltag an sich zeigt uns ja kaum Veränderung, weil wir ihn minutiös strukturieren, ihn kontrollieren möchten, um Veränderung auszuschließen, wir mögen nämlich keine Veränderung und fühlen uns nur in unserer Struktur sicher, deshalb ist es ja auch wichtig, den Begriff nicht aus den Augen zu verlieren, weil es jederzeit passieren kann, das mit der Veränderung: von der Hand in den Mund, von jetzt auf gleich, auf der Stelle! Ich bin und ich war. Ein Herzinfarkt, der Schlaganfall, ein Mensch stirbt, Jobverlust oder dein Zuhause brennt, wie in Syrien. Auch schlimm, so wat! Wir sind oft nicht auf Veränderung vorbereitet. Warum eigentlich? Der Alltag trügt, in die Arbeit stürzen und funktionieren, bis der Arzt kommt, ist die günstige Variante von Verdrängung, also günstiger im Vergleich zum Jetset-Leben, wenn es um Veränderung geht.
Veränderung ist deshalb ein bedeutender Begriff: alles ist in Bewegung, du selbst ja auch, oder du wirst mitgerissen. Ich habe mir daraufhin gedacht, wie kann man denn Veränderung genau definieren, damit wir besser damit leben können oder wir uns sprichwörtlich die Hand reichen können? Da kann man heutzutage zum Beispiel Wikipedia mal fragen, die sind ja schlau. Das ist sowieso spannend, andere Menschen mal zu fragen, was für sie jetzt ganz privat, also speziell und ganz besonders, Veränderung bedeutet. Du hörst dann immer ganz verschiedene Sachen dazu, weil Veränderung für jeden etwas anderes ist und für einige hat es mit Geld zu tun, für andere mit Gesundheit, Partnerschaft, Familie oder Job. Je nachdem, wo der eine oder der andere gerade Veränderung erlebt und wo sie präsent ist. Aber Veränderung findet eigentlich in allem statt, nicht nur hier oder mal da, da brauchst du nur mal in den Spiegel schauen, da siehst du Veränderung an allen Ecken und sehr konkret, manchmal zu konkret. Wir bekommen also Veränderung auch manchmal schlichtweg nicht mit! Ein schönes Beispiel: Du stehst in Cala Ratjada in sexy, roter Badehose im Hotel Vista Pinar am Pool, wie David Hasselhoff immer unter Strom, immer auf der Suche nach dem nächsten Rettungseinsatz, nicht wahr, und dann trifft man eine gut aussehende Blondine, die man zehn Jahre nicht gesehen hat, und sie sagt: “Mein lieber Mann, hast du aber zugelegt!“, und du antwortest bei vollem Bewusstsein, also bei vollem Bewusstsein: “Wieso? Die dreißig Kilo fallen doch kaum auf!“, dann verleugnen wir die Veränderung oder bekommen wir die dreißig Kilo wirklich nicht mit? Meint man ja manchmal, gerade auf Mallorca glauben immer noch einige Sonderlinge mit Glatzen-Ausprägung, dass ihnen George Clooney nicht das Wasser reichen kann. Die Wahrheit ist: “Ein Vogel baut kein Nest in einem kahlen Baum!“, das hat schon Peter Strüksken aus Neukirchen-Vluyn immer gesagt, wenn er auf Kegeltour war. „Lass den Glatzkopp mal die Vorarbeit leisten, lassen mal machen!“, und peng, der Peter hat sie am Ende alle gekriegt. Manches ändert sich eben doch nicht, zumindest nicht in der Horizontalen!
Aber Hand aufs Herz und nicht vor den Mund, sogar Ärzte rennen hin und wieder zum Schönheitschirurgen, um Veränderung aufzuhalten, oft sehen sie danach aber auch sehr, sehr verändert aus:

Die Zeit und Veränderung
Den Prozess und das anders werden
Aufzuhalten
Erscheint mir
Bei genauerem Nachdenken und Zerdenken
Grübeln und Ersinnen
Reflektieren und Kopfzerbrechen
als unmöglich
Geradezu fern oder paradox

Ich habe immer gedacht
Du hast starke Hände
Als Handballer warst du immer stark
Hast Schlachten geschlagen
Als Mensch hast du andere begraben müssen
Hast den Schmerz ertragen
Als Mann warst du immer stark
Hast andere mit Händen getragen
Jetzt hältst du das Leben fest
Das Gute darin wird umklammert
Mit deinen Händen

Ich dachte immer
Meine Schultern sind kräftig
Wie ein Berg
Aber es war einfach nichts festzuhalten
Mit meinen Händen!

Das Leben zerfließt
Durch meine Hände
Hindurch und daran vorbei
Wie rieselnder Sand
Durchbricht es dicke Wände
In stetig laufender Zeit
Das Leben zerfließt
Durch meine Hände
Wie aufwirbelnder Staub
Zerschneidet es freundschaftliche Bände
In unaufhaltsamer Bewegung

Die Finger greifen noch
Schnipp, schnapp
Zurück bleibt Schmerz und Traurigkeit
Es sind eben die Erinnerungen
Die mich quälen
Und das Hier und Jetzt verzerren

Das Hier und Jetzt zu genießen
Darin zu stehen
Ohne es festhalten zu müssen
Es zu spüren
Auch wenn es vergeht
Ja, nicht mehr
Alles festhalten zu wollen
Das erscheint mir
Nach längerer Überlegung
Wie auch Kopfzerbrechen
Meinen Händen gut zu tun

Ich habe beim Nachdenken über Veränderung, gegenüber Vergänglichkeit und dem Bedürfnis, festhalten zu müssen, eine für mich gute Einstellung entwickelt:

Wechseljahre, das habe ich neulich von einer Patienten gehört, wäre eine wirklich spürbare Veränderung, sonst merkt man Veränderung oft gar nicht. Also Wechseljahre, das verändert, kann man schon sagen, nicht wahr! Man fühlt sich urplötzlich anders, verkehrt, indifferent und widernatürlich, oder nicht? Doch! Ja? Nein? Vielleicht? Warum ist mir gerade so heiß? Nee, mir ist doch kalt!
Sie habe dadurch auch ein passendes Thema für die Therapie gefunden, nämlich ihre Wechseljahre.
Ich fragte dann: „Gut, wie oft kommen denn die Symptome vor?“
„Momentan denke ich permanent über einen Partnerwechsel nach!“, sagte sie.
Liebe Querdenker, auch das ist Veränderung!
Ich habe dann einfach mal angefangen, positive Veränderung auf der einen Seite aufzuschreiben und die negative auf der anderen, also um prägende Lebenserfahrungen einfach mal getrennt voneinander betrachten zu können. Das tat mir sehr gut, weil ich persönlich dazu neige, negative Veränderung intensiver und öfters wahrzunehmen als positive. Mal den Blick für positive Veränderung zu schärfen hilft, in negativen Zeiten auch etwas Positives zu entdecken. Vielleicht ist das aber auch der Grund, warum viele Menschen Angst vor Veränderung haben, weil wir uns an das Scheitern und Fallen eben öfter erinnern, aber das Positive vergessen, weshalb wir mit Veränderung immer Negatives assoziieren. Veränderung macht deshalb oft Angst, obwohl sie uns auch gut tun könnte, wenn wir uns auf sie einlassen würden. Das ist paradox. Wir verändern uns nicht oder wollen uns nicht verändern, weil wir Angst vor dem Verlieren, dem Abgrenzen haben und Angst vor Verlust in uns unterschwellig brodelt. Eine Gesellschaft verändert sich eventuell deshalb so wenig, weil ihre Gruppenmitglieder Angst vor dem Fremden haben, vor Verlust: “Wenn sich etwas geändert hat, wurde mir immer etwas von anderen weggenommen. Immer wenn sich etwas geändert hat, bin ich gescheitert oder gefallen. Also dann soll doch bitte alles so bleiben, wie es ist!“ Das ist der negative Blick auf Veränderung, aber so nehmen wir sie oft wahr. Wir können uns der stetigen Bewegung, den Kriegen, den Flüchtlingen und dem Wandel dieser Welt schlecht öffnen, weil wir Angst vor Veränderung haben. Da ist was Neues, das Alte geht. Ich bin und ich war. Ähnlich wie die Angst vorm Altwerden oder Sterben.

Und um Veränderung zu umgehen, sie zu verhindern oder auszuhebeln, dafür gibt es Glaubenssätze, nicht wahr. Überlegen Sie mal, welche Ihre sind, liebe Querdenker:

Wat von alleine kommt, geht auch wieder von alleine!
Wat ich nicht kenne, dat kann ich auch nicht kriegen!
Dat tut man nicht!
Dat muss so sein.
Dat sagt man nicht.
So eine Ohrfeige hat noch niemandem geschadet.
Die Russen hatten viel bessere Maschinenpistolen!
Da wirste blind von, wenne nachts mit der Taschenlampe unter der Decke liest!
Bisse krank? Da hasse wohl Zuchwind gekriegt, oder bisse wieder mit nackte Füß herumgelaufen?
Nach den Kirschen darfste jetzt aber nix trinken!
Möhren sind gut für die Augen!
Et gibt Gewitter, mach die Fenster zu, sonst kommt der Blitz rein!
Die Augen bleiben so stehen, wenn du so weiter machst!
Aber auch:
So wat kann man doch nicht seinem Chef sagen!

Was heißt hier man? Wer ist eigentlich man? Glaubenssätze sind eine verzerrte Wahrnehmung der Realität, mit der wir uns in Sicherheit wiegen, die irgendein Mensch mal erfunden hat, die uns eine generelle, universelle Wahrheit vermitteln sollen, und das ist das Gefährliche daran. „Das tut man nicht!“ „Wieso? Ich tue das aber, denn nicht jede Wahrheit gilt auch für mich!“ Wir schwelgen mit Glaubenssätzen oft in Sicherheit:
„Wenn alles so bleibt, is et nicht gut, aber et wird nicht schlimmer!“
Wir können Veränderung gar nicht immer zum Guten wenden oder ein Problem in perfektionistischer Konsequenz lösen, aber wir können etwas Schlechtes eventuell ein bisscken besser machen, das ist doch schon mal was! Wir können nicht jeden hohen Berg erklimmen, aber vielleicht eine Teilstrecke, aber wir Menschen haben ja immer Siebenmeilenstiefel an, nicht wahr, wenn überhaupt, dann muss für alles die große Lösung her und für alle und jeden. Aber warum immer groß denken? Warum immer groß handeln?
Wir können Syrien nicht besser machen und eine Demokratie von jetzt auf gleich einführen, aber vielleicht können wir den Menschen helfen, die gerade flüchten. Ein Teilerfolg, nicht die große Lösung, der Berg ist auch nicht erklommen, aber das Schlechte ist ein wenig besser geworden. Wir treten der Veränderung dieser Welt ein wenig entgegen, weil wir ihr Land nicht besser machen können, aber für Menschen in Not da sind. Warum nicht? Aber wir denken natürlich groß, das ist immer so, so ist ja auch unsere Gesellschaft strukturiert und unser Leistungsdenken: immer groß, immer hoch hinaus, aber wenn wir Dinge besser machen wollen, dann helfen auch mal Teilerfolge, Kompromisse oder die graue Mitte. Soll gut tun, die Mitte. Sagt man sich, höre ich immer wieder. Das Schlechte wird ein bisschen besser, selbst wenn wir nur ein wenig dafür tun. Wenn wir wissen, dass Veränderung uns doch einholt, dann brauchen wir auch nicht immer auf der Überholspur zu sein.
Mal langsam Tuckeln tut gut! Macht frei! Hält gesund!
Gedanken wie: „Ich kann nicht immer perfekt sein, aber hin und wieder ein wenig besser!“, das macht Veränderung ein klein wenig ertragbarer. Das ist doch was, oder etwa nicht? Wir müssen uns nicht immer einreden:
„Das wirst du schon schaffen. Eigentlich weiß ich, et geht nicht, aber das wirst du schon schaffen. Doch, du schaffst das!“ Veränderung holt uns immer ein, wir schaffen dann auch mal was nicht und dann müssten wir schauen, was das Gute in dieser Veränderung ist, sonst hadern wir nur mit uns und dem Leben. Ich habe von einem Parkinson-Patienten mal einen imposanten Satz gehört: „Ich sitze im Rollstuhl, ich kann zwar nicht mehr laufen, aber ich lerne jetzt einfach mal Rolli-Basketball.“
Was ist das Gute in einer Veränderung? Eine wichtige Fragestellung! Was bietet mir das Leben hier an diesem Punkt? Und genau dieser Frage müssen wir uns von Geburt an immer wieder stellen, bis zum Schluss: Wie kann ich mich immer wieder neu erfinden? Und nicht: Wie bleibt meine Haut faltenfrei, also wie kann ich Veränderung aufhalten?
Veränderung: bewegen und bewegen lassen.
Veränderung lässt sich nicht aufhalten.

Das hilft mir vielleicht auch, am Ende des Lebens nicht die ultimative Schuldfrage zu stellen, wenn nämlich die größte Veränderung ansteht: das Sterben. Wenn ich mir nicht die Schuldfrage stelle, also was im Leben schiefgelaufen ist, danach zu fragen, was ich anders hätte machen können, sollen, müssen, sondern frei aus dem Leberkarzinom heraus sagen kann: was hat mir das Leben geboten, was lief ganz gut und auch ein wenig besser! Das war gar nicht so schlecht, was ich damals daraus gemacht habe, nicht perfekt, aber es hat vieles besser gemacht. Et is jut so, Jung! Ich bin und ich war nicht fehlerfrei, aber immerhin war ich vogelfrei! Ich war zwar kein Marzipan, aber Mettwurst schmeckt auch. Ich bin und ich war. Es könnte helfen, mit sich mehr ins Reine zu kommen, Harmonie zu finden, die Milchmädchenrechnung einfach mal nicht zu machen, nicht immer alles aufzurechnen, zu bewerten und zu entwerten. Ich erinnere mich noch an Oppa Hansdampf, so nannten wir ihn, der an einem bestimmten Punkt seines Lebens einfach aufgegeben hatte, immer perfekt sein zu können, es allem gerecht werden zu wollen, alle Erwartungshaltungen erfüllen zu müssen, und er gab es auf, gegen das Verändern jeden Tag anzukämpfen:

Sein Leben lang hat er für andere Häuser gebaut
Den Niederrhein zugepflastert für Familien und Generationen
Mit Händen geschuftet
Aufgebaut
Den Krieg überlebt
Immer gekämpft
Dann schon wieder für andere geschuftet
Schon wieder Häuser aufgebaut und zugepflastert
Ein Zuhause für Generationen
Und immer weiter gekämpft
Immer erhobenen Hauptes in der Veränderung
Das war sein Motto
Bis ihn der Krebs eingeholt hatte
Stumm und still
Hat sich die Veränderung eingeschlichen
Er wollte dann nicht mehr
Ganz plötzlich
Hat gesagt
Schluss mit verändern
Sich immer verändern, verändern lassen
Und immer erhobenen Hauptes
Kein Kämpfen mehr
Ist doch gut
Wie es war
Wie es ist
Ich bin und ich war

So saß er schweigend mit dem Rücken zur Wand
Blickte in den Garten auf den Kirchturm in Oestrum
Er zählte die Tage rückwärts
Und ein letztes Mal Erinnerungen
Sah zu, wie die Sonne hinterm Turm verschwand

Er saß mit dem Rücken zur Wand
Kein Wort, schweigend
Im Rücken die Bilder, Fotos von Erinnerungen
Sein Leben im Rücken
Mit Blick auf den Kirchturm
Sah er der Sonne zu
Tagein, tagaus und rückwärts
Wie sie hinterm Turm verschwand

Nein
Kein Kämpfen mehr
Schluss mit Veränderung
Und erhobenen Hauptes
Ich bin und ich war
Es reicht
So saß er an der Wand
Bis er hinter dem Turm
Eines Tages
Still verschwand

Ja, liebe Quergedachten, manchmal verändert die Veränderung uns ins Gute, manchmal ins Traurige hinein, aber sich selbst zu verändern muss man hin und wieder üben, das ist auch nicht immer leicht! Nun mal ein Auszug aus der harten Therapie-Arbeit von Heinzi ter Steegens, den ich neulich in Wachtendonk besucht habe. Er war die letzten Tage doch beruflich bedingt sehr gereizt, das kleinste falsche Wort führte zu Impulsausbrüchen, die er schlagartig, abrupt, blitzschnell, aber intensiv an seinen Mitmenschen abließ. Heinzi ter Steegens wohnt übrigens auf dem Nussbaumweg 3, kennen Sie vielleicht nicht, also sowohl den Heinzi als auch den Nussbaumweg, aber ich wollte Ihnen das nur kurz mal erzählen, obwohl ich Sie mit mir auch nicht weiter belasten möchte, et geht Sie ja auch nix an, wat der Heinzi so macht, aber wir sind ja quasi unter uns. Ist jetzt auch egal. Also der Heinzi ter Steegens hat sonst ein Gedächtnis wie ein altes Zigeunerpferd, also sonst, jetzt gerade nicht mehr, weil er ja so gereizt ist, so sacht zumindest seine Therapeutin in Neuss. Ter Steegens hätte es am Kopp, wegen der allgemeinen Gereiztheit, quasi eine Verstimmung auf Rezept. Er selber findet Wutausbrüche eher normal, gang und gäbe, also Usus usw.
Der Heinzi konnte auch kognitiv alle Straßennamen von Wachtendonk alphabetisch aufsagen, aber alle! Selbst wenn wir nicht in Wachtendonk waren, dann konnte er sie trotzdem aufsagen.
Ich weiss noch, wenn wir bei uns im Schäfchen in Oestrum an der Theke standen und der Heinzi wollte mal ein junges Mädel so richtig beeindrucken, nicht wahr, so wat gibt es ja öfters, dass alte Männer noch mal junge Mädels beeindrucken möchten, dann stellte er sich vor sie hin und fing rastlos, aber wirklich rastlos an, die Straßennamen von Wachtendonk runterzurasseln, aber allesamt und in alphabetischer Reihenfolge! Wirklich! Von A bis Z! Und zwar A wie Am Sportplatz über N wie Nussbaumweg und W wie Wankumerstraße. „X, Y und Z gibt et nicht in Wachtendonk!“, das sagt er auch zum Abschluss noch dem Mädel mitten ins verdutzte Gesicht hinein! Aber so wat von! Jetzt war da aber nur noch eine schwarze Wand, so sagte der Heinzi dat immer. Schwärze! Keine Spur von etwas, nicht das Geringste, kein Stück, nur noch Hohlraum.
Aber unter uns gesagt, sie sollten aber wirklich mal nach Wachtendonk am Niederrhein fahren, das ist wirklich schön da, nur so am Rande gesagt! Und so idyllisch ist es dort, also ungelogen! Ungelogen! Wie ein Veilchen, das im verborgenen blüht, um es mit den Augen eines stillen Betrachters zu sagen. Jedenfalls, ich saß im Nussbaumweg 3 am Küchentisch und Heinzi las mir jetzt seinen Veränderungsplan vor, den er wegen der seelischen Reizung erstellt hatte! Er müsse nun doch einige Dinge anders machen, so sachte jetzt auch seine Frau vor Kurzem. Der folgende Text beschreibt die verbale Auseinandersetzung zwischen uns, also ter Steegens und mir, man könnte auch sagen: unseren gedanklichen Austausch, hin und wieder frei raus und mit vermerkten Randnotizen und Quergedanken versehen, die uns bei der Betrachtung der Veränderung spontan in den Sinn gekommen sind. Falls Sie, liebe Querdenker, bei der Betrachtung des Textes hin und wieder den roten Faden verlieren sollten, dann ist das überhaupt nicht schlimm! Es gibt bei diesem Plan eventuell überhaupt keinen Sinn oder etwas zu verstehen, was man aus den Augen verlieren könnte, und vor allem müssen wir Veränderung nicht immer unbedingt verstehen, begreifen oder erfassen, sie ist auch ganz von alleine da, vollkommen ohne Verständnis! Veränderung braucht kein Verständnis!
Ter Steegens definiert Veränderung, indem er die eindeutigen Zusammenhänge, ob in der Sozialisation gelernt oder nicht, also diese eindeutigen, untrennbaren, auch die sinnvollen und geistigen wie sachlich-rationalen Zusammenhänge, einfach voneinander trennt, vom Prinzip das Untrennbare auseinanderreißt und wahllos, vielleicht sogar kopflos, die Dinge, Gedanken und Werte wie Sachen neu miteinander verbindet, sprich: Veränderung eben. Ein lapidares Beispiel: Er habe sich angewöhnt, Socken und Schuhe erst im Büro anzuziehen! Das mache ihn freier. Freiheit ist Veränderung. Luft holen, ausatmen!
Fortschritt, Wachstum, Persönlichkeitsentwicklung, Wendepunkt, bla, bla, blub!
„Das sagt meine Therapeutin.“
„Wer sagt das?“
„Sie behauptet das, ich enthaupte das nicht!“
„Wir verdächtigen, dass es so ist!“

Montag Berlin, Dienstag München, Mittwoch Amsterdam, Donnerstag Rom, Freitag Paris, Samstag Köln und Sonntag Schrebergarten.
Wir bilden uns ein Bild, sehen vor Ort die Veränderung!
Ich sehe und ich bilde mir ein Weltbild, ein gezeichnetes Weltbild, ein anderes Bild von meiner Welt, ich fange ein Weltbild ein oder mehrere.
Randnotiz: Hauptsache, ein Bild von etwas, von dem Ganzen, eine Meinung oder Perspektive. Hauptsache, Jetlag und klares Weltbild, klar muss es sein und irgendeine vorzeigbare Meinung muss man haben!
„Wer sagt das?“
„Ich dichte das an, er sagt es mir nach, sie schreibt es mir zu!“
Tapetenwechsel vom Alltag: Aufstehen, Zähne putzen, anziehen, U-Bahn, Händeschütteln, Leben ertragen, sich vertragen, mit sich selbst und dem Leben! Einen Prozess durchleben, eine neue Pubertät anregen, Wandlung, Wechsel, Umsturz, Umbau, bla, bla, bla!
Montag: Kurs 1 - warum ist die Banane krumm? Speed-Denken ohne Sinn und Zweck.
Dienstag: Wenn du doch noch hoch hinaus möchtest: Crashkurs zum Industriekletterer!
Mittwoch: Lets talk about Sex - Sexologische Auseinandersetzung zwischen Leuten, die nur über Sex reden!
Donnerstag: Schöner tot sein! Tipps, wie man auch tot eine gute Figur macht!
Freitag: Jodeln zum Jodeldiplom. Wenn dich deine Frau nicht versteht, jodle die Probleme weg. Singen statt schweigen, ein Therapiegespräch gejodelt!
Samstag: Visagistik - mogeln Sie sich schön.
Sonntag: Lyrik-Abend im Clubhaus: Heinz Müller liest Peter Meier! Oder: Barbara Becker liest die Biografie von Anna Kournikova! Veränderung bildet! Randnotiz: Ich habe das neulich erst noch im Ritumenti in Moers gehört, dass Veränderung bildet, und da ist der Name der Kneipe schon bildend, fördernd, didaktisch, formend und pädagogisch-erziehend. Das hat man ja hin und wieder mal, nicht wahr, dass es Kneipen gibt, da laufen nur gebildete Persönlichkeiten herum. „Ich bin über Goethe an Heine gekommen. Ich bin über Tschaikowsky zu Brahms gekommen. Ich bin über Luther zum Protestanten geworden!“ Das sind intellektuelle Kneipen-Gespräche! So etwas gibt es.
„Wer behauptet das?“
„Sie beschönigt das, er stellt fest, wir betonen etwas!“
„Ich verdrehe das!“
Steigerung ist Veränderung. Aufstehen, duschen, Zähne putzen, U-Bahn, Hände schütteln. Leben ertragen, sich mit dem Leben vertragen.
Luftveränderung, Mutation, Reform, Weichenstellung, Umbildung, Korrektur, bla, bla, blub! Anders machen wollen.

Montag: Heinrich ist tot. Frida ist tot. Bernd ist tot. Sie hinterlassen eine Lücke. Veränderung.
Dienstag : Anders erziehen: Judith! Hörst du? Hol die Kinder aus dem Keller, die Luft wird knapp! Ich wollte mal was anderes als Laisser-faire!
Mittwoch: Seminar. Umgang mit neuen Medien. So schreibe ich WhatsApp-Nachrichten und wie google ich den Ex?
Donnerstag: Herbstkränze für Tisch und Tür.
Freitag: “Nihao!“ Chinesisch für Gefeuerte. Sprachen lernen, die keiner braucht!
Samstag: Zusammen lachen oder Sarkasmus als Fassade.
Sonntag: Anti-Schnarchtraining, inklusive Angehörigen-Beratung. Danach gemeinsames Schnarchen und ggf. Partnertausch.
Vielfalt ist Veränderung. Leben aushalten, mit dem Leben haushalten.
„Wer beteuert das?“
„Sie beglaubigt das, er enthüllt etwas!“
Neuregelung, Konzeption, Intensivierung, Wind of change, Restauration, bli, bla, blo!
Montag: Selbstwert-Kurs: Durchsetzen, aber wie? Gesprächsjudo im Beruf!
Dienstag: Landschaften malen mit Eierlikör. Danach: gemeinsames Vertrinken der Bilder!
Mittwoch: Sport ist Mord. Lust auf Bewegung ohne Sport, dynamische Reflexhandlungen für Bewegungsmuffel!
Donnerstag: Freundeskreis. Ich sage dir jetzt mal, dass ich das nicht mehr möchte, wenn du immer … Freundschaft heißt für mich ab heute: Ich kann dir offen und ehrlich … nicht mehr nach der Schnauze, so sehe ich das! Freunde dürfen sich, gerade als Freunde, alles sagen, ohne gleich … auch wenn du politisch in eine andere Richtung … kann man das doch trennen.
Freitag: Gurke als Kunstobjekt. Gemüse-Schnitzen auch für Nichtveganer. („Der liewe Gott lebt auch im Jemüse. Philosophische Abhandlung über das Beet-Sterben.) Vortrag: Dr. Elmar Dressing, Gesundheitsexperte vom Experten im Gesundheitsamt Kevelaer, a. D.!
Vortrags-Titel: Grünzeug und Seelen!
Samstag: Politischer Kongress zum Thema: Was wir brauchen, wer wir sind, was die Gesellschaft wirklich braucht und welche Fachkräfte wir brauchen, um zu sein und zu wachsen als Einzelner in der Gesellschaft und wie wächst die Gesellschaft für den Einzelnen oder wie wachsen Gesellschaft und das Individuum zusammen, also Wachstum im Sinne von: am Arsch vorbei!
Bandbreite ist Veränderung! Immer voran. Anders sein.
„Wer beschönigt das?“
„Ich enthaupte was? Sie beschwört das, er mutmaßt etwas!“
Aufstehen, gehen, heimkommen, schlafen, aufstehen, essen, gehen und heimkommen. Leben überleben. Leben leben wollen.
Ortsveränderung, Abweichung, Reparatur, Divergenz, Abweg, redigieren, Wendepunkt, Konjunktur und bla, bla, tara! Evolution.
„Ja!“, sag ich noch zum ter Steegens.
„Veränderung,
Ich hasse dich nicht wirklich
Wir ergänzen uns auch immer ganz gut
Wir benutzen uns
Sammeln Profit
Fliegen mit dem Wind
Lachen und weinen

Aber ich bin nicht dein Kind
Und du nicht mein Vater, oder meine Mutter
Oder das Haus, in dem ich wohne
Du bist wie mein Körper
Mein Gesicht wird alt
Die Haare grau
Aber meine Augen behalten ihre Farbe
Und du bist immer da

Alles um mich herum verändert sich
Alles um mich herum stirbt
Menschen, die ich liebe
Häuser
Arbeitsplätze
Aber mein Herz schlägt weiter

Ich hasse dich nicht wirklich
Aber ich bin nicht dein Kind
Sondern ein Kind meines Herzens, das schlägt
Und die Bilder einfängt, der Menschen
Die ich liebe
In Ewigkeit“

Ich würde mir wünschen, das Menschen Veränderung hin und wieder anders wahrnehmen, sie nicht verdrängen, ihr nicht entrinnen oder sie durch unseren Wohlstand bedingt übersehen, dann könnten wir unsere Gesellschaft besser gestalten und weltpolitischen Veränderungen, Flüchtlingsströmen, Weltkriegen und Armut anders entgegentreten, vielleicht stärker und mit weniger Ängsten behaftet. Wir könnten andererseits offener das Bedürfnis und den Wunsch nach positiver Veränderung innerhalb unserer Gesellschaft aussprechen, was wir uns für berufliche Veränderungen wünschen würden und wie wir unser Miteinander im Alltagsleben menschlicher gestalten könnten. Leistungsdruck, das Gefühl, austauschbar zu sein, und hohe Erwartungshaltungen innerhalb unserer Arbeitswelt führen dazu, dass wir uns nicht bewegen, nicht äußern und für bessere Bedingungen oder unsere eigenen Bedürfnisse einstehen. Wir halten aus, statt zu verändern, wir verdrängen, statt zu verändern, wir lassen uns von anderen verändern!
Wir sehnen uns nach Veränderung, aber gleichzeitig haben wir oft Angst vor ihr, wir verdrängen sie deshalb, stellen unsere Bedürfnisse hinten an, verlieren uns in falsche Wertvorstellungen und lassen den Frust an der falschen Stelle ab. Wir brauchen Veränderung, nichts steht still, sie holt uns ein, deshalb sollten wir die Chance nicht vertun, Veränderung aktiv und gemeinsam mitzugestalten und uns andersherum nicht von ihr manipulieren lassen. Ich kann Veränderung nicht aufhalten, sie kommt und geht, wann sie will, aber ich gestalte die Veränderung und sie gestaltet nicht mich!




















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